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Magazin: Blog2

Rechtshänder auf vier Pfoten? Was die Lateralisierung über Gebrauchshunde verraten könnte

20. Aug.
8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Malinois

Unter Schafhirten in Nordengland und Schottland hielt sich einst ein bemerkenswertes Gerücht: Linkshändige Collies seien für den Hütedienst nicht zu gebrauchen. Hunde, die bevorzugt die linke Pfote einsetzten, wurden deshalb angeblich aus der Arbeit genommen.

Eine ziemlich erstaunliche Behauptung.

Denn warum sollte es für einen Hütehund einen Unterschied machen, ob er rechts oder links bevorzugt?

War an dieser alten Beobachtung tatsächlich etwas dran?

Oder hatten die Schafhirten etwas beobachtet, das sie nur falsch interpretiert hatten?

Eine Untersuchung mit 38 Malinois liefert darauf eine überraschende Antwort.


Rechts oder links?

Dass Hunde eine bevorzugte Seite haben können, ist keine neue Erkenntnis. Wer einen Hund eine Weile beobachtet, kann feststellen, dass er bestimmte Bewegungen nicht völlig symmetrisch ausführt.

Beim Spielen wird vielleicht immer dieselbe Pfote eingesetzt. Beim Aufstehen kommt zunächst ein bestimmtes Bein nach vorne. Beim Versuch, einen Gegenstand zu erreichen, wird eine Seite bevorzugt.

In der Wissenschaft wird dieses Phänomen als Lateralisierung bezeichnet.

Der Begriff beschreibt eine funktionelle Asymmetrie: Bestimmte Bewegungen oder Verhaltensweisen werden bevorzugt über eine Körperseite ausgeführt.

Auch beim Menschen ist dieses Prinzip bestens bekannt. Die meisten Menschen haben eine bevorzugte Hand. Sie schreiben, schneiden oder hantieren überwiegend mit dieser Hand.

Bei Hunden ist die Sache allerdings etwas weniger eindeutig.

Ein Hund kann eine Präferenz für die rechte oder die linke Seite zeigen. Manche Tiere zeigen jedoch keine besonders ausgeprägte Präferenz. Sie verwenden einmal die eine und einmal die andere Seite.

Damit ergeben sich zwei verschiedene Fragen.

Welche Seite wird bevorzugt?

Und:

Wie stark wird diese Seite bevorzugt?

Das ist nicht dasselbe.

Ein Hund, der sieben von zehn Mal die rechte Pfote benutzt, ist ebenso rechtspräferent wie ein Hund, der neun von zehn Mal die rechte Pfote benutzt.

Aber seine Seitenpräferenz ist deutlich schwächer ausgeprägt.

Und genau dieser Unterschied könnte bei Gebrauchshunden von Bedeutung sein.


Was hat die Pfote mit dem Arbeitseinsatz zu tun?

Die Frage ist deshalb interessant, weil Lateralisierung nicht ausschließlich eine Angelegenheit der Pfoten ist.

Die bevorzugte Nutzung einer Körperseite hängt mit der Organisation des Gehirns zusammen. Bei Säugetieren sind bestimmte Funktionen unterschiedlich stark auf die beiden Gehirnhälften verteilt. Diese funktionelle Asymmetrie kann sich auch im Verhalten zeigen.

Bei Hunden wurde Lateralisierung deshalb bereits in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen untersucht.

Es ging unter anderem um Stressreaktionen, emotionale Verarbeitung, motorische Aufgaben und die Frage, ob sich bestimmte Formen der Seitenpräferenz mit bestimmten Verhaltensmerkmalen verbinden lassen.

Für Gebrauchshunde könnte das besonders interessant sein.

Denn diese Hunde müssen nicht einfach nur eine einzelne Aufgabe beherrschen. Sie müssen unter Umständen mit hoher Motivation arbeiten, sich auf neue Situationen einstellen, selbstsicher handeln und auch unter Belastung leistungsfähig bleiben.

Wenn sich Lateralisierung mit solchen Eigenschaften verbinden ließe, könnte die bevorzugte Seite eines Hundes mehr sein als eine kuriose Eigenheit.

Sie könnte möglicherweise einen kleinen Hinweis auf seine Eignung für bestimmte Aufgaben liefern.

Aber welche Seite wäre dann die richtige?

Rechts?

Links?

Oder spielt die Richtung der Präferenz überhaupt keine Rolle?


38 Malinois

Genau dieser Frage gingen Allen Goldblatt, Irit Gazit, Ehud Cappon und Joseph Terkel in einer 2023 veröffentlichten Untersuchung nach.

Untersucht wurden 38 Belgische Schäferhunde, genauer gesagt Malinois.

Die Hunde gehörten zu einer Population von Gebrauchshunden, die für anspruchsvolle operative Aufgaben ausgewählt und ausgebildet worden waren.

Es handelte sich also nicht um eine Gruppe beliebiger Familienhunde.

Die Tiere waren zwischen eineinhalb und fünf Jahre alt. Sie waren von einem erfahrenen Trainer im Alter von ungefähr einem bis zwei Jahren übernommen worden.

Bei der Auswahl der Hunde spielten unter anderem gesundheitliche und verhaltensbezogene Kriterien eine Rolle. Erwünscht waren beispielsweise ein ausgeprägter Beutetrieb, Selbstsicherheit und Mut.

Die Hunde unterschieden sich dennoch hinsichtlich ihrer praktischen Einsatzfähigkeit.

Ein Teil galt als voll einsatzfähig.

Ein anderer Teil war nur teilweise einsatzfähig und wurde für weniger anspruchsvolle Aufgaben verwendet.

Die Einteilung war bereits vor der Untersuchung erfolgt.

Damit konnten die Forscher eine interessante Frage stellen:

Unterscheiden sich diese beiden Gruppen auch hinsichtlich ihrer Lateralisierung?


Die Pfote beim Losgehen

Um die Seitenpräferenz der Hunde zu bestimmen, verwendeten die Forscher unter anderem den sogenannten WALK-Test.

Dabei wurde beobachtet, welche Vorderpfote der Hund zuerst bewegte, wenn er gemeinsam mit seinem Hundeführer losging.

Zusätzlich wurde ein COME-Test durchgeführt. Dabei wurde aus einer sitzenden Position beobachtet, welche Vorderpfote der Hund zuerst bewegte, wenn er zum Herankommen aufgefordert wurde.

Die Tests wurden mehrfach durchgeführt.

Aus den Ergebnissen ließ sich bestimmen, ob ein Hund eine rechte oder linke Präferenz zeigte – und wie stark diese ausgeprägt war.

Das Ergebnis war zunächst durchaus bemerkenswert.

Beim WALK-Test zeigten 30 der 38 Malinois eine Präferenz für die rechte Pfote.

Acht Hunde bevorzugten die linke.

Damit waren deutlich mehr Hunde rechts- als linkspräferent.

Aber genau hier beginnt das Problem mit der alten Vorstellung vom ungeeigneten Linkshänder.

Denn eine größere Zahl rechtspräferenter Hunde bedeutet zunächst einmal überhaupt nicht, dass Rechtspräferenz mit besserer Arbeitsleistung verbunden ist.

Dafür müsste man die Einsatzfähigkeit der Hunde mit ihrer Seitenpräferenz vergleichen.

Und genau das taten die Forscher.


Ist rechts besser?

Wenn die rechte Seite tatsächlich einen Vorteil für die Einsatzfähigkeit bieten würde, müsste man erwarten, dass unter den voll einsatzfähigen Hunden besonders viele Rechtshänder zu finden sind.

Doch diesen Zusammenhang fanden die Forscher nicht.

Die Richtung der Seitenpräferenz unterschied sich zwischen den Gruppen nicht signifikant.

Rechts war also nicht einfach besser als links.

Das ist ein wichtiges Ergebnis.

Denn damit verliert die Frage „rechts oder links?“ einen großen Teil ihrer Bedeutung.

Wenn beide Richtungen bei geeigneten Gebrauchshunden vorkommen, kann die Richtung allein kaum erklären, warum ein Hund für anspruchsvolle Aufgaben geeignet ist und ein anderer nicht.

Aber vielleicht wurde auch die falsche Frage gestellt.

Denn ein Hund kann rechts oder links bevorzugen.

Er kann aber auch keine besonders ausgeprägte Präferenz zeigen.

Und damit kommt eine dritte Gruppe ins Spiel, die bei der Betrachtung von Rechtshändern und Linkshändern leicht übersehen wird.


Die Unentschiedenen

Stellen wir uns drei Hunde vor.

Der erste benutzt bei zehn Durchgängen neunmal die rechte Pfote.

Der zweite benutzt neunmal die linke.

Der dritte benutzt fünfmal die rechte und fünfmal die linke.

Der erste ist deutlich rechtsorientiert.

Der zweite ist deutlich linksorientiert.

Der dritte zeigt keine klare Seitenpräferenz.

Wenn ausschließlich danach gefragt wird, welche Seite bevorzugt wird, erscheinen die ersten beiden Hunde als Gegensätze.

Aus Sicht der Stärke ihrer Lateralisierung haben sie allerdings etwas gemeinsam.

Beide sind eindeutig orientiert.

Der dritte Hund ist es nicht.

Genau diese Stärke der Seitenpräferenz erwies sich bei den untersuchten Malinois als interessant.

Die voll einsatzfähigen Hunde zeigten eine stärker ausgeprägte Lateralisierung als die nur teilweise einsatzfähigen Hunde.

Nicht die Richtung der Präferenz unterschied die Gruppen.

Sondern ihre Stärke.

Das ist ein kleiner Unterschied in der Statistik.

Aber ein großer Unterschied in der Interpretation.


Was bedeutet eine starke Seitenpräferenz?

Damit ist zunächst einmal nicht gemeint, dass ein Hund mit einer starken Lateralisierung automatisch „besser“ ist.

Lateralisierung ist kein Intelligenztest.

Sie sagt auch nicht unmittelbar voraus, wie gut ein Hund trainierbar ist.

Und schon gar nicht bedeutet eine rechte Präferenz, dass ein Hund einer linken Präferenz überlegen wäre.

Interessant ist vielmehr die Frage, was eine ausgeprägte Seitenpräferenz über die Organisation des Tieres aussagen könnte.

Das Gehirn arbeitet nicht vollkommen symmetrisch. Die beiden Hemisphären unterscheiden sich in der Verarbeitung bestimmter Informationen und bei bestimmten Aufgaben.

Eine ausgeprägte Lateralisierung könnte deshalb mit einer stärkeren funktionellen Spezialisierung verbunden sein.

Ob genau das für die bessere Einsatzfähigkeit der Malinois verantwortlich ist, lässt sich aus dieser Untersuchung allerdings nicht ableiten.

Dafür ist die Studie nicht ausgelegt.

Die Stichprobe ist klein.

Die Hunde gehören zu einer sehr speziellen Population.

Und es handelt sich um eine Ex-post-facto-Untersuchung: Die Hunde waren bereits hinsichtlich ihrer praktischen Eignung eingestuft, bevor ihre Lateralisierung untersucht wurde.

Damit lässt sich ein Zusammenhang feststellen.

Eine Ursache lässt sich daraus nicht ableiten.

Vielleicht führt eine bestimmte neurologische Organisation zu stärkerer Lateralisierung und gleichzeitig zu bestimmten Eigenschaften, die für Gebrauchshunde günstig sind.

Vielleicht beeinflussen sich verschiedene Faktoren gegenseitig.

Vielleicht spielt die Lateralisierung nur eine indirekte Rolle.

Oder sie ist überhaupt kein ursächlicher Faktor, sondern lediglich ein Marker für etwas anderes.

Das bleibt offen.


Eine alte Beobachtung bekommt eine neue Bedeutung

Und damit lohnt sich der Blick zurück auf die Schafhirten.

Angenommen, die überlieferte Beobachtung stimmt tatsächlich: Unter den für den Hütedienst aussortierten Collies befanden sich auffallend viele linkshändige Hunde.

Dann wäre die daraus entstandene Regel durchaus nachvollziehbar:

Linkshändige Hunde sind schlechte Arbeitshunde.

Nur könnte diese Regel auf einem klassischen Beobachtungsfehler beruhen.

Denn wenn die tatsächlich weniger geeigneten Hunde vor allem durch eine schwach ausgeprägte Lateralisierung gekennzeichnet waren, dann müsste diese Gruppe sowohl rechts- als auch linksorientierte Hunde enthalten.

Ein stark linkspräferenter Hund hätte dann mit dem eigentlichen Problem wenig zu tun.

Er wäre nur deshalb auffällig geworden, weil er ebenfalls nicht zur Mehrheitsgruppe der Rechtshänder gehörte.

Das wäre ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie aus einer richtigen Beobachtung eine falsche Regel entstehen kann.

Man sieht ein gemeinsames Merkmal bei mehreren ungeeigneten Tieren und hält dieses Merkmal für die Ursache.

Dabei ist es vielleicht nur ein Begleitmerkmal.

Die eigentliche Gemeinsamkeit liegt an einer anderen Stelle.


Nicht links gegen rechts

Genau hier liegt die interessante Pointe der Untersuchung.

Die Frage ist nicht:

Sind Rechtshänder die besseren Gebrauchshunde?

Und auch nicht:

Sind Linkshänder schlechter?

Die Daten sprechen für keine dieser beiden Aussagen.

Interessanter ist eine andere Möglichkeit:

Vielleicht kommt es bei bestimmten Gebrauchshunden weniger darauf an, welche Seite bevorzugt wird, sondern darauf, ob überhaupt eine klare Präferenz vorhanden ist.

Ein Hund kann also stark rechtsorientiert sein.

Er kann stark linksorientiert sein.

Beide zeigen eine deutliche Lateralisierung.

Und beide unterscheiden sich darin von einem Hund, der zwischen den Seiten kaum eine Präferenz zeigt.

Das bedeutet nicht, dass jeder stark lateralisierte Hund ein guter Gebrauchshund wäre.

Aber es bedeutet, dass die einfache Einteilung in rechts und links möglicherweise eine wichtige Information unterschlägt.


Was die Studie nicht sagt

Das Ergebnis sollte deshalb nicht überinterpretiert werden.

Es wäre falsch, jetzt aus einem Pfotentest einen Eignungstest für Gebrauchshunde zu machen.

Ein Hund ist nicht deshalb besonders geeignet, weil er beim Losgehen die rechte Pfote zuerst bewegt.

Und er ist nicht ungeeignet, weil er die linke benutzt.

Die Studie liefert dafür keinen Beleg.

Sie zeigt lediglich einen Zusammenhang zwischen der Stärke der Lateralisierung und der bereits festgestellten Einsatzfähigkeit innerhalb dieser speziellen Gruppe von Malinois.

Ob sich dieser Zusammenhang auch bei anderen Rassen, anderen Aufgaben und anderen Populationen zeigt, muss erst untersucht werden.

Besonders interessant wäre deshalb eine Untersuchung, bei der Hunde bereits als Welpen auf ihre Lateralisierung getestet und anschließend über einen längeren Zeitraum hinsichtlich ihrer späteren Arbeitsleistung beobachtet werden.

Dann ließe sich wesentlich besser beurteilen, ob die Lateralisierung tatsächlich einen prognostischen Wert besitzt.

Bis dahin bleibt sie ein interessantes Puzzleteil.

Aber eines, das eine alte Geschichte in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt.


Das Kind mit dem Bade

Vielleicht hatten die Schafhirten also gar nicht so Unrecht, wie es zunächst klingt.

Vielleicht hatten sie tatsächlich beobachtet, dass bestimmte Hunde für den Hütedienst weniger geeignet waren.

Vielleicht hatten sie auch tatsächlich festgestellt, dass unter diesen Hunden linkspfötige Tiere vorkamen.

Nur daraus folgt noch lange nicht, dass die Linkspfötigkeit das Problem war.

Denn wenn tatsächlich die Eindeutigkeit der Seitenpräferenz mit der Gebrauchshundeignung zusammenhängt, dann wären die linkshändigen Hunde nicht das Gegenstück zu den geeigneten Rechtshändern.

Sie wären Teil derselben Gruppe.

Der entscheidende Unterschied würde nicht zwischen links und rechts verlaufen.

Sondern zwischen klar orientiert und nicht klar orientiert.

Damit könnte die alte Regel einen höchst bemerkenswerten Ursprung gehabt haben: Eine Beobachtung war möglicherweise richtig, aber das falsche Merkmal wurde als Erklärung dafür ausgewählt.

Die linkshändigen Hunde wären dann nicht deshalb aus dem Arbeitsdienst ausgeschieden, weil sie links waren.

Sie wären ausgeschieden, weil man sie zusammen mit den tatsächlich problematischen Hunden in einen Topf geworfen hatte.

Das wäre der klassische Fall von: Man hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Lehre dieser kleinen Geschichte.

Bei Hunden ist nicht immer das auffälligste Merkmal das entscheidende.

Manchmal ist die interessantere Frage nicht, welche Seite ein Hund benutzt.

Sondern wie eindeutig er sich für eine Seite entscheidet.

Ob das tatsächlich ein brauchbarer Hinweis auf die spätere Eignung eines Gebrauchshundes ist, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Aber eines lässt sich bereits sagen:

Rechts ist nicht besser als links.

Vielleicht ist bei Gebrauchshunden etwas ganz anderes interessant:

Nicht, wohin sie sich orientieren – sondern ob sie sich überhaupt eindeutig orientieren.


Quelle

Goldblatt, A., Gazit, I., Cappon, E. & Terkel, J. (2023): “Paw preference as an indicator of operational suitability in working dogs: An ex post facto analysis.” Applied Animal Behaviour Science, 262, 105900. DOI: 10.1016/j.applanim.2023.105900.

 
 
 

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