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Magazin: Blog2

Rechtshänder auf vier Pfoten? Was die Lateralisierung über Gebrauchshunde verraten könnte

Malinois

Wir Menschen machen es uns mit unseren beiden Händen ziemlich einfach.

Die meisten von uns haben eine bevorzugte Hand. Wir schreiben mit ihr, schneiden damit, greifen nach Dingen und hantieren im Alltag ganz selbstverständlich mit ihr. Bei den meisten Menschen ist das die rechte Hand.

Bei Hunden ist die Sache komplizierter.


Auch Hunde können eine Seite bevorzugen. Manche benutzen bei bestimmten Bewegungen häufiger die rechte Pfote, andere die linke. Wieder andere wechseln zwischen beiden Seiten, ohne eine eindeutige Präferenz zu zeigen.

In der Verhaltensforschung nennt man das Lateralisierung.

Und nun wird es interessant: Eine wissenschaftliche Untersuchung hat sich gefragt, ob die Ausprägung dieser Seitenpräferenz etwas darüber verraten könnte, wie gut ein Hund für anspruchsvolle Aufgaben geeignet ist.

Das Ergebnis ist überraschender, als man zunächst denkt.

Denn es geht offenbar nicht darum, ob ein Hund Rechts- oder Linkspföter ist.

Es geht möglicherweise darum, wie eindeutig er überhaupt lateralisiert ist.


38 Malinois

Die Untersuchung von Allen Goldblatt, Irit Gazit, Ehud Cappon und Joseph Terkel erschien 2023 in der Fachzeitschrift Applied Animal Behaviour Science. Untersucht wurden 38 Malinois, also Belgische Schäferhunde.

Dabei handelte es sich nicht um eine zufällig zusammengestellte Gruppe von Familienhunden. Die Tiere waren als Gebrauchshunde für anspruchsvolle operative Aufgaben ausgewählt und ausgebildet worden.

Das ist wichtig.

Denn ein Malinois ist zwar ein Schäferhund und damit ursprünglich ein Hütehund. Die Hunde dieser Untersuchung wurden jedoch nicht hinsichtlich ihrer Hütequalitäten untersucht. Es ging um ihre Eignung für die Aufgaben, für die diese spezielle Gebrauchshundpopulation ausgewählt worden war.

Die Tiere waren zwischen eineinhalb und fünf Jahre alt. Der leitende Trainer hatte sie ungefähr im Alter von ein bis zwei Jahren erworben. Bei der Auswahl spielten sowohl gesundheitliche als auch verhaltensbezogene Kriterien eine Rolle. Besonders erwünscht waren unter anderem hoher Beutetrieb, Selbstsicherheit und Mut.

Damit wissen wir also ziemlich genau, über welche Hunde wir sprechen.

Nicht über „die Gebrauchshunde“ schlechthin.

Nicht über Hütehunde bei der Arbeit.

Sondern über 38 speziell ausgewählte Malinois-Gebrauchshunde.

Und nun wird es interessant.


Gute Hunde und weniger gute Hunde

Die 38 Malinois waren hinsichtlich ihrer praktischen Eignung bereits unterschiedlich eingestuft worden.

Eine Gruppe galt als voll einsatzfähig.

Die andere als nur teilweise einsatzfähig.

Die Einteilung stammte vom leitenden Trainer und beruhte auf einer Verhaltensbeurteilung. Hunde, denen es an Selbstsicherheit und/oder Arbeitsantrieb fehlte, wurden für weniger anspruchsvolle Aufgaben eingesetzt.

Das ist für das Verständnis der Studie entscheidend.

Die Hunde waren bereits hinsichtlich ihrer praktischen Eignung beurteilt worden.

Erst danach wurde untersucht, ob sich ihre motorische Lateralisierung zwischen den Gruppen unterschied.

Die Studie war damit eine sogenannte ex-post-facto-Untersuchung.

Und genau hier beginnt die eigentliche Überraschung.


Rechts war nicht besser

Die Forscher testeten die Hunde mit zwei einfachen Verfahren.

Beim WALK-Test wurde beobachtet, welche Vorderpfote der Hund zuerst bewegte, wenn der Hundeführer mit ihm losging.

Beim COME-Test wurde aus einer sitzenden Position heraus beobachtet, welche Pfote der Hund zuerst bewegte, wenn er zum Herankommen aufgefordert wurde.

Die Tests wurden mehrfach durchgeführt. Aus den Ergebnissen wurde ein Lateralisierungsindex berechnet.

Und tatsächlich zeigten die untersuchten Malinois insgesamt eine deutliche Tendenz zur rechten Pfote. Beim WALK-Test waren 30 von 38 Hunden rechtspräferent, während acht linkspräferent waren.


Nun könnte man voreilig denken:

Aha! Rechts ist also die bessere Seite.

Nein.

Genau das fanden die Forscher nicht.

Der Anteil rechtspräferenter Hunde unterschied sich zwischen den voll und den nur teilweise einsatzfähigen Hunden nicht signifikant. Der entscheidende Unterschied lag an einer anderen Stelle.


Wie stark ist die Präferenz?

Man kann einen Hund nämlich nicht nur danach beurteilen, welche Seite er bevorzugt.

Man kann auch danach fragen, wie deutlich er sie bevorzugt.

Stellen wir uns zwei Hunde vor.

Der erste benutzt bei zehn Durchgängen siebenmal die rechte und dreimal die linke Pfote.

Der zweite benutzt neunmal die rechte und nur einmal die linke.

Beide wären rechtspräferent.

Aber beim zweiten ist die Präferenz wesentlich deutlicher.

Genau diese Stärke der Lateralisierung erwies sich in der Studie als interessant.

Die nur teilweise einsatzfähigen Hunde zeigten eine signifikant schwächere Lateralisierung als die voll einsatzfähigen Hunde.

Das ist ein kleiner Unterschied in der Fragestellung – aber ein ziemlich großer Unterschied in der Aussage.

Nicht:

Rechts ist besser als links.

Sondern möglicherweise:

Eine klar ausgeprägte Seitenpräferenz ist bei diesen Hunden mit besserer praktischer Eignung verbunden.

Das ist noch kein Beweis

Jetzt kommt der Teil, bei dem man als Leser ein wenig auf die wissenschaftliche Bremse treten sollte. Die Studie beweist nicht, dass eine starke Lateralisierung einen Hund zu einem besseren Gebrauchshund macht. Dafür ist die Untersuchung nicht ausgelegt.

Es handelt sich um eine retrospektive Untersuchung einer relativ kleinen und sehr speziellen Population von 38 Malinois. Die Hunde wurden nicht zufällig ausgewählt und auch nicht von den Forschern erst über Jahre hinweg auf ihre spätere Arbeitsleistung beobachtet.

Die Autoren selbst formulieren das Ergebnis entsprechend vorsichtig.

Sie kommen zu dem Schluss, dass Lateralisierung möglicherweise ein zusätzliches Kriterium bei der Auswahl solcher Hunde sein könnte.

Das ist etwas anderes als: Stark lateralisierte Hunde sind bessere Gebrauchshunde.

Aber es ist trotzdem bemerkenswert. Denn wenn ein so einfaches motorisches Merkmal tatsächlich mit der späteren Einsatzfähigkeit zusammenhängt, könnte man es möglicherweise schon bei der Auswahl eines jungen Hundes berücksichtigen.

Und genau das ist der praktische Gedanke hinter der Studie.


Warum sollte das überhaupt funktionieren?

Hier wird es biologisch interessant.

Das Gehirn eines Tieres arbeitet nicht vollkommen symmetrisch.

Bestimmte Funktionen sind auf die linke oder rechte Gehirnhälfte stärker verteilt. Diese sogenannte funktionelle Asymmetrie findet man bei vielen Tierarten.

Bei Hunden zeigt sie sich unter anderem in motorischen Präferenzen.

Aber eine starke Lateralisierung bedeutet nicht einfach, dieses Tier ist besser. Sie bedeutet zunächst einmal nur:

„Dieses Tier organisiert bestimmte Funktionen stärker über eine bevorzugte Seite.“

Warum das bei den untersuchten Malinois mit ihrer Einsatzfähigkeit zusammenhing, ist damit noch nicht beantwortet.

Vielleicht ermöglicht eine stärkere funktionelle Spezialisierung bestimmte Bewegungsabläufe. Vielleicht hängt sie mit einer anderen Eigenschaft zusammen, die für Gebrauchshunde wichtig ist. Vielleicht ist sie ein Marker für eine bestimmte neurologische Organisation, die wiederum mit anderen Verhaltensmerkmalen zusammenhängt. Oder vielleicht gibt es mehrere Ursachen gleichzeitig.

Die Studie beantwortet diese Fragen nicht.

Aber sie liefert einen ziemlich guten Grund, sie zu stellen.


Und was ist mit „rechts“?

Das ist vielleicht sogar der schönste Teil der Geschichte.

Wir Menschen sind sehr schnell dabei, aus einer Häufigkeit eine Rangordnung zu machen. Wenn mehr Hunde rechtspräferent sind, könnte man auf die Idee kommen, dass rechts irgendwie „besser“ sei. Doch die Untersuchung widerspricht gerade dieser simplen Interpretation. Die Richtung der Lateralisierung – rechts oder links – war nicht das entscheidende Merkmal. Die Ausprägung war es.


Das bedeutet:

Ein stark linkspräferenter Hund kann in diesem Zusammenhang genauso interessant sein wie ein stark rechtspräferenter. Das ist eigentlich eine sehr schöne Erinnerung daran, dass biologische Unterschiede nicht automatisch Hierarchien sind.

Links ist nicht schlechter. Rechts ist nicht besser.

Vielleicht ist eindeutig interessanter als richtig.


Was hat das mit dem Familienhund zu tun?

Zunächst einmal nicht sehr viel.

Wer jetzt seinen Hund beobachtet und feststellt, dass er mit der linken Pfote zuerst aus dem Körbchen steigt, muss daraus keine Karriereprognose ableiten. Und natürlich bedeutet eine starke Lateralisierung nicht, dass ein Hund automatisch besonders arbeitswillig, intelligent oder belastbar ist. Die Untersuchung bezog sich auf eine sehr spezielle Gruppe von Malinois, die bereits für anspruchsvolle Aufgaben ausgewählt worden waren. Es wäre wissenschaftlich unzulässig, daraus eine allgemeine Regel für alle Hunde zu machen.


Aber vielleicht liegt genau darin der Reiz.

Denn wenn wir beginnen, Hunde genauer zu beobachten, entdecken wir immer wieder kleine Eigenheiten, die zunächst bedeutungslos erscheinen.

Der eine Hund steigt immer mit demselben Bein aus dem Auto.

Der andere dreht sich vor dem Hinlegen immer in dieselbe Richtung.

Ein weiterer benutzt beim Aufnehmen eines Gegenstandes fast immer dieselbe Pfote.

Und irgendwann stellt sich die Frage:

Ist das nur eine Gewohnheit?

Oder sehen wir hier ein Stück individueller Organisation des Hundes?


Beobachten statt etikettieren

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus dieser Untersuchung.

Wir wollen Tiere gerne schnell beschreiben.

  • Rechtshänder.

  • Linkshänder.

  • Selbstsicher.

  • Ängstlich.

  • Arbeitsfreudig.

  • Ungeeignet.

Aber Verhalten ist selten so einfach.

Die interessante Information steckt häufig nicht in der Kategorie, sondern in der Ausprägung.

Nicht nur:

"Welche Pfote benutzt der Hunde?"

sondern:

"Wie konsequent bevorzugt er sie?"


Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum die Studie von Goldblatt und seinen Kollegen so interessant ist.

Sie sagt uns nicht, dass wir künftig alle Hunde in Rechts- und Linkspföter einteilen sollten. Sie zeigt vielmehr, dass ein scheinbar winziges Detail des Bewegungsverhaltens möglicherweise etwas über einen Hund verraten kann, das man auf den ersten Blick gar nicht sieht.

Manchmal lohnt es sich eben, genauer hinzuschauen.


Quelle

Goldblatt, A., Gazit, I., Cappon, E. & Terkel, J. (2023): “Paw preference as an indicator of operational suitability in working dogs: An ex post facto analysis.” Applied Animal Behaviour Science, 262, 105900. DOI: 10.1016/j.applanim.2023.105900.

 
 
 

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